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Die Freiheit des Herzens

Werner Schandor

Die Mur durchteilt die Stadt beinahe unterirdisch. Das regulierte und begradigte Gewässer hat sich so tief in sein Bett gefressen, dass es kaum mehr wahrgenommen wird. Ähnlich ist es mit den Emotionen der Grazer. Im Gegensatz zu Leuten in amerikanischen Filmen, die das Herz auf der Zunge tragen, behalten die Menschen hier ihre Gefühle für sich.

Bist du dir sicher?

Wir standen an der Bar des kubanischen Lokals beim Stadtpark. Rauch lag in der Luft, und hinter dem Tresen wurden die Cocktails geschüttelt. Sie erzählte mir die Geschichte der letzten 15 Jahre, die Wendungen, die ihr Leben genommen hatte und die sie erst jüngst wieder in neue Gefilde führten.

Das ist mir klar geworden, als ich draufkam, was ich eigentlich suche: Die Freiheit des Herzens.

Sie lachte. Unter ihrem roten Kleid zeichnete sich ihr pochendes Herz ab. ‘Es ist nicht leicht,’ sagte sie und dachte dabei an den Mann, von dem sie sich scheiden lassen wollte. Es ist nicht leicht, denn um die Freiheit zu erlangen, muss man manchmal Menschen, die einem nahe stehen, enttäuschen.

Später betrat sie die Bühne, die man in der Ecke aufgebaut hatte. Sie schloss die Augen, ließ die Töne kommen, ließ ihre Stimme ausströmen, mal sanft, mal gurrend und glucksend, mal schneidend. Sie liebkoste das Mikrofon mit ihren Fingern, umhüllte es mit ihrer Stimme, und in diese Moment hatte ich den Eindruck, dass sie die Freiheit erreicht hätte, nach der sie suchte. Aber der Musikkritiker, der seinen Platz neben mir an der Bar eingenommen hatte, zerstörte die Harmonie des Augenblicks. ‘Schau dir nur mal ihre verkrampft zusammengekniffenen Augenbrauen an,’ flüsterte er mir zu. Und für eine Sängerin trifft sie die Töne einfach verdammt schlecht.

 *

Einatmen und beim Einatmen ganz aufs Einatmen konzentrieren. Ganz Einatmen werden. Dann Ausatmen. Und beim Ausatmen ganz aufs Ausatmen achten. Gewahr sein des Ausatmens. Und dann wieder gewahr sein des Einatmens. So lässt sich die Freiheit des Geistes erlangen. Lehrte Buddha, der Erwachte. Die Reliquien des Buddha waren im Frühjahr 2011 drei Tage lang im buddhistischen Zentrum gegenüber vom Kunsthaus ausgestellt gemeinsam mit Reliquien buddhistischer Meister aus Tibet. Die auf Tibetisch "Ringsel" genannten Reliquien sahen aus wie pfefferkorngroße weiße Perlen; andere wirkten wie feine rote Raspel von einer Schale. Angeblich stammten diese Substanzen aus der Asche der kremierten Leiber, und man sagte den Reliquien nach, dass sie Frieden in die Welt bringen würden, weil sich in ihnen die Energie der Heiligen bündle.

Die Reliquien waren in handgroßen Glasgefäßen aufbewahrt, die konisch in die Höhe strebten und wie buddhistische Stupas geformt waren. In der Mitte des Tisches, auf dem die Exponate die Blicke der Besucher anzogen, hockte eine goldglänzende Buddhastatue. Diese Statuen üben eine beruhigende Wirkung auf mich aus, und so ließ ich mich von der friedlichen Atmosphäre anstecken, die in dem nicht allzu großen Raum herrschte. Ich guckte in die Glaskästen, in denen die Reliquien lagen, begutachtete die Formen der von Tischleuchten angestrahlten Körner und Fäden und umrundete den Tisch empfehlungsgemäß im Uhrzeigersinn. Man konnte sich ausrechnen, dass diese Reliquien so echt waren wie die Splitter vom Kreuze Christi, die im Mittelalter in Europa herumgezeigt wurden und die zusammengesetzt einen mittleren Baumhain ergeben hätten. ‘Vergiss die Echtheit – darum geht es nicht,’ erklärte meine Begleiterin, die bei aller Nüchternheit großen Respekt vor den Äußerungen des Mystischen hatte. Wir umrundeten den Tisch und schenkten der einen oder anderen Reliquie unsere vertiefte Aufmerksamkeit, um am Ende der kleinen Runde vor einer karminrot gewandeten buddhistischen Nonne zu stehen, die auf einem Sessel in der Ecke saß und ein Reliquiengefäß in der Hand hielt. Man konnte sich vor sie hinknien, und sie berührte mit der Reliquie den Scheitel. Was ich machen ließ. Ich kniete hin, die Nonne ließ das Gefäß mit der Reliquie auf die höchste Stelle meines Kopfes sinken und murmelte dabei etwas, das wohl ein Mantra war. Bei dieser Berührung breitete sich in meinem Körper vom Kopf her ein warmes Gefühl aus. Nicht überwältigend, aber sehr angenehm – wie beim Handauflegen durch einen versierten Masseur. War am Ende doch etwas an der Behauptung dran, dass die Reliquien die Energie der Meister in sich trugen? Meister, die, indem sie einfach einatmeten und ausatmeten und dabei ganz bei sich waren, das erlangt hatten, was meine Sängerfreundin für sich suchte.

Später, draußen auf der Murbrücke vor dem Kunsthaus: Die Insel in der Mur leuchtete blau in der Strömung, die Franziskanerkirche strahlte himmelwärts in die nächtliche Dunkelheit und sogar das flächendeckende Graffitigemälde am Sockel der Brücke war beleuchtet. Das warme Gefühl war noch in mir, aber der Erleuchtung fühlte ich mich nicht wirklich nahe. Und mein Herz? War es frei?

 *

Am Jakominiplatz ragen fahlgelbe Laternenmasten in die Höhe, deren Lampenstangen sich am oberen Ende verzweigen wie flachgepresste Bäume. Straßenbahnen quietschen um die Kurven, Busse biegen in die Endhaltestellen ein, kommen schnaufend zum Stehen, die Türen öffnen sich, und die Fahrgäste strömen heraus. Fußgänger hasten über Asphalt und Gleise, Radfahrer klingeln sich ihren Weg durch das Gewirr. Am Platz vor dem ‘Steirerhof’ warten Pendler unter echten Bäumen auf die Postbusse, die sie aufs Land bringen, schauen jedem Auto nach, das sich in dem Nebeneinander aus Fahr- und Abbiegeverboten einen Weg durch das von Verkehrsschildern markierte Labyrinth bahnen will. Wasser sprudelt in einer Brunneninstallation aus dem Boden. Dort traf ich zufällig Manfred, einen ehemaligen Arbeitskollegen, der in meiner alten Firma für die EDV zuständig war. Er sah verändert aus, hatte abgenommen und wirkte sehr entschlossen. Vielleicht lag es auch daran, dass er sein Markenzeichen, das karierte Altherrensakko, durch ein schwarzes, sportliches Designer-Jacket getauscht hatte.

‘Wie es mir geht?! Danke, gut, seit der Krebs bezwungen ist.’

Erschrocken fragte ich nach: 'Krebs?'. Manfred erzählte von Monaten, die einem Buch mit dem Titel "Mein schicksalhaftes Jahr" entsprungen sein könnten: angefangen mit seiner Scheidung bis hin zu seiner Erkrankung. Im schnellen Vorlauf: Routineuntersuchung, Blutabnahme, erhöhte Werte, nochmalige Untersuchung, Krebsmarker, Diagnose, Chemotherapie.

‘Wenn du beim Arzt sitzt, und er sagt “Krebs”, dann ist es, als würde man dir mit dem Hammer auf den Kopf hauen. Aber mein Glück war, dass das Geschwür im Anfangsstadium erkannt wurde. So hat die Therapie optimal gegriffen. Ich war zwar jedes Mal total groggy, wenn ich im Krankenhaus mit den Mitteln vollgepumpt wurde, aber ich bin trotzdem arbeiten gegangen. Das hat mich von meinen Sorgen abgelenkt.’

Denn das Ganze hat eigentlich mit der Scheidung begonnen. Meine Frau war öfter zu solchen Wochenendseminaren gefahren: Die innere Stimme. Hör auf dein Selbst. Schamanenreisen und solche Sachen. Und als sie dann wieder einmal von so einem Schamanenseminar zurückkehrte, eröffnete sie mir, dass sie sich an meiner Seite nicht verwirklichen könne und sich deshalb scheiden lassen möchte. Nach 20 Jahren sagte sie mir das! Ich bin aus allen Wolken gefallen. Auch die Kinder haben es nicht kapiert, was in ihre Mutter gefahren ist, aber gut, die Kinder sind eh schon erwachsen.

Sie zog also aus, wir ließen uns scheiden, verkauften unser Haus – zwei gemeinsame Jahrzehnte vertraglich aufgelöst. Und genau am ersten Jahrestag der Trennung habe ich die Diagnose “Krebs” erhalten. Das war ein ziemlicher Brocken. Aber jetzt geht es wieder. Die Blutwerte sind stabil, und es schaut ganz so aus, als wäre die Sache ausgestanden. Und wie läuft’s bei dir?’

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Grazer Herrengasse, Frühjahr 2011. Alle 30 Meter sitzt oder kniet jemand auf dem Asphalt und streckt den Passanten der geschäftigsten Grazer Innenstadtflaniermeile einen leeren Pappbecher hin. Die meisten dieser Leute sind Roma aus dem ostslowakischen Dorf Hostice. Da sie zu Hause keine Arbeit finden, und da die EU, was die Unterstützung der Roma betrifft, bisher eher erfolglos agierte, sitzen die Leute von Hostice auf den Straßen von Graz. Sie sitzen vor Supermärkten, Postämtern, an öffentlichen Plätzen und hoffen auf ein paar Euro. Viele Passanten sind von den knienden Menschen irritiert bis angewidert. Die meisten Bettler haben kein körperliches Gebrechen. Sie finden nur keine Auskommen dort, wo sie leben, und versuchen daher zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter auf dem Asphalt der Grazer Straßen ihr Auslangen zu finden. Was in Graz nicht mehr lange gelingen wird.

Den Kaufleuten der Stadt sind die Bettler ein Dorn im Auge. Nach langem politischen Ringen hat die steiermärkische Landesregierung mit den Stimmen sowohl der sozialdemokratischen als auch der christlich-sozialen Abgeordneten im Februar 2011 ein Gesetz verabschiedet, wonach Betteln ab Mai 2011 an öffentlichen Plätzen untersagt ist. Die Leute von Hostice können sich dann – so heißt es von den Proponenten des Verbots – ohnehin eine Arbeit suchen, denn mit selbem Datum fallen die Arbeitsbeschränkungen für EU-Bürger des Ostens weg.

Schon einmal gab es in Graz ein Bettelverbot. Erlassen wurde es am 2. März 1648 – im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges. Um die betroffene Klientel zu informieren, was ihnen bei Missachtung blühte, ließ man vor den Toren der Stadt auf Holz gemalte Bilder anbringen, auf denen die Konsequenzen dargestellt waren: Auspeitschen, mit Zangen zwicken oder Aufhängen. Eines der Schilder ist heute noch auf der oststeirischen Riegersburg zu bewundern – in der Ausstellung über die Hexenverfolgung. Eingerahmt ist das Bild vom Merkspruch: ‘Lost Ihr Zuegainer, alchier bleib theiner / Auß dem Landt Theut weichen, sonst wird man Eüch außstreichen. – Frei ins moderne Deutsch übersetzt: ‘Hört Ihr Zigeuner, hier bleibt stehen. Aus dem Land müsst Ihr gehen, sonst wird man Euch misshandeln." – Heute würde man sagen: ‘… mit 2000 Euro Verwaltungsstrafe belegen.’

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In der Nähe vom Paulustor, das die Stadtmauer im Nordosten durchbricht, lodern haushohe Flammen in den Himmel. Ein Scheiterhaufen aus Büchern und Schriften, angekarrt aus allen Ecken des Landes, ist errichtet worden. Nun werden Pergament und Papier ein Raub des Feuers. Wir schreiben den 8. August 1600, und am Scheiterhaufen brennen die Schriften von Luther, Calvin, Zwingli und allen, die den Adeligen des Landes und den niederen Ständen, ja sogar den Bauern und Knechten Flausen in den Kopf gesetzt hatten: von der Freiheit, vom Herrgott, der – Gott behüte – sich dem gemeinen Volke verständlich machen solle. 10.000 ketzerische Bücher, die von den Religionskommissionen des Herrschers und seines Fürstbischofs gesammelt worden waren, stehen am Abend dieses glutheißen Augusttages in hellen Flammen.

Vor zwei Wochen waren die Adeligen des Landes vor die Wahl gestellt worden: Entweder sie fügen sich unter die gottgewollte, absolute Herrschaft des Kaisers und seines Repräsentanten, des Erzherzogs von Innerösterreich, der in der Grazer Burg residiert, oder sie haben das Land zu verlassen. Nicht wenige entscheiden sich für den Exodus. Unter den vielen Gelehrten, die den reformatorischen Lehren anhingen, ist auch der Mathematiker Johannes Kepler, der in Graz unterrichtet. Die Schriften brennen, und Graz ist wieder katholisch. In den folgenden 150 Jahren werden in der Steiermark Hunderte Menschen als Hexen und Zauberer gebrandmarkt und hingerichtet werden.

Erzherzog Ferdinand holt zum Zeichen seines Triumphes über die Protestanten die Kapuziner nach Graz. Er lässt ein Kloster errichten und, zum Kloster gehörig, die Antoniuskirche an der Stelle, an der die Bücher brannten. Die Kloster wurde 1782 aufgehoben, die Kirche blieb erhalten, wird aber nicht mehr als Kirche genutzt. Im Kloster ist heute das steirische Volkskundemuseum untergebracht, und wenn man eine Ausstellung besucht, kann man über die Orgelempore einen Blick in den barocken Kirchenraum werfen.

Auf dem Altarbild, das 1602 vom Hofmaler Pietro de Pomis angefertigt wurde, sehen wir, von Engeln getragen, den Grazer Schlossberg, der vom auferstandenen Christus gesegnet wird. Und in der Ecke rechts unten Ferdinand III., den Herrscher über Innerösterreich. Er hatte seinen Hof in Graz und war ein großer Verfechter des Katholischen vor dem Herrn. Er war den Jesuiten hörig und unterband gemeinsam mit seinem kirchlichen Pendant, dem schwindsüchtigen, geifernden Fürstbischof von Seckau, Martin Brenner, jede freigeistige Regung im Land.

Am Gebäude gegenüber vom Schauspielhaus erinnern noch heute die prächtigen Wappen Ferdinands von Habsburg und seiner Frau, Anna Maria von Bayern, an den Prunk, mit dem der Habsburger die Stadt in eine Fürstenstadt europäischen Zuschnitts verwandelte. Derselbe Ferdinand sollte 16 Jahre nach der Grazer Bücherverbrennung zum Kaiser Ferdinand II. gekrönt werden und als solcher Europa 1618 in den Wahnsinn und das Elend des Dreißigjährigen Krieges führen.

‘Die Geschichte wiederholt sich – unentwegt,’ sagt mein Begleiter, der Fremdenführer. Er hat mich an die Orte geführt, an denen Pietro de Pomis wirkte, allen voran das Mausoleum Kaiser Ferdinands, das gegenüber von der Grazer Burg, zwischen Dom und dazugehörigem Pfarrhaus, nach Plänen des Hofkünstlers errichtet wurde.

Man kann die Geschichte eines Ortes erspüren, wenn man die Antennen dafür hat, ist mein Begleiter überzeugt. Es schwingt immer etwas von der Geschichte mit: im Boden, auf dem man steht, in den Gebäuden, die einen umgeben, in den Menschen, die die Nachfahren von denen sind, die früher hier lebten. Von all ihren Handlungen bleibt etwas zurück. Geh in ein Gebäude, das umgebaut wurde, da wirst du es merken. Du wirst den Geist der Kaserne spüren, wenn dort jetzt Wohnungen sind, dir wird das Elend der Verlassenen in die Haarspitzen kriechen, wenn du einen Kindergarten betrittst, der ursprünglich ein Waisenhaus war. Die Geschichte liegt wie feiner Staub über den Gebäuden, Straßen, Städten und Landstrichen.

Klingt ziemlich esoterisch.

Klingt zu 100 % esoterisch, weil es keine Methoden dafür gibt, die Schwingungen zu messen, die die Geschichte hinterlässt. Aber wenn du durch Graz gehst und genau hinschaust, wirst du feststellen, dass die Geschichte durchscheint: die Bücherverbrennung von 1600 und der Brand der Synagoge 1938, die Vertreibung der Protestanten, die Hexenprozesse und die Vertreibung der Bettler, der Wunsch nach Recht und Ordnung bis ins kleinste Detail und das Bekenntnis zu Nazi-Deutschland im Februar 1938 – drei Wochen vor dem ‘Anschluss’ Österreichs. Aber es gibt auch eine Geschichte der Öffnung – eine unter Erzherzog Johann im 19. Jahrhundert, der zahlreiche Reformen in die Wege leitete, und eine geistige Öffnung die in den späten 1960ern damit begonnen hatte, dass man zeitgenössische Kunst in die Stadt strömen ließ, dass der ‘steirische herbst’ die Bürger und die Konservativen provozieren konnte. In den 1970ern verhinderten couragierte Bürger den Bau einer Autobahn, die mitten durch die Stadt hätte führen sollen. Und in den 1990er-Jahren deklarierte sich Graz als ‘Stadt der Menschenrechte’. Auch diese Geschichte wirst du in Graz sehen und spüren können.

Und du wirst sehen, dass sich die Stadt, die sich in den Jahrzehnten von 1970 bis 2000 geöffnet hatte, sich seit einigen Jahren wieder verschließt und selbst einengt. Drogensüchtige, Arbeitslose, Bettler sind nicht erwünscht, werden mit Erlässen, Verordnungen und Gesetzen von den öffentlichen Plätzen verbannt. In Graz ist es verpönt, in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu telefonieren; Vorhängeschlösser, mit denen Liebende auf Brückengeländern ihre Liebe bezeugen, werden mit der Zange abgezwickt und entsorgt, angeblich aus Gründen der Statik; auf der Wiese am Thalersee nahe Graz – einem beliebten Familienausflugsziel – dürfen türkische und kurdischen Familien nicht mehr grillen, weil es die Anrainer stört; durch die Straßen der Stadt patrouilliert außer der Polizei auch eine städtische Ordnungswache in furchtbaren schwarzen Uniformen (Schwarzhemden). Sie wird dafür bezahlt, Radfahrer anzuhalten, die auf lastwagenbreiten Alleen durch den Stadtpark radeln, denn diese Alleen sind Fußgängern vorbehalten (und nach Einbruch der Dämmerung den kleinen Dealern, aber zu dieser Zeit ist von der Ordnungswache nie jemand zu sehen). All diese Geschichten wirst du in Graz beobachten können.

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Am anderen Ufer der Mur, dort, wo einst die italienischen Künstler ihr Quartier hatten und heute eine starke türkische und bosnische Minderheit wohnt, steht die Pfarrkirche St. Andrä, die sich seit ihrer Renovierung im Jahr 2010 schon äußerlich von den anderen Grazer Kirchen abhebt. In bunten Farben wurden Namen, Phrasen und Wörter in Großbuchstaben auf die weißen Kirchenmauern gemalt: ‘Skepsis’, ‘don’t worry’ und ‘Blaues Wunder’ sind unter anderem zu lesen. ‘Musterknabe’ und ‘Rosinen Rosinen’ steht auf dem Kirchturm. Im Inneren der Kirche stehen weitere zeitgenössische Arbeiten im Konflikt mit dem barocken Kirchenraum: ein verspiegelter Altar und eine verspiegelte Säule, moderne Kirchenfenster, eine wild bemalte Seitenkapelle. ‘Scheußlich,’ murmelt eine Frau aus der Touristengruppe, die sich das Haus Gottes von einem Fremdenführer erklären lässt, der andachtsvoll die Namen der barocken Meister erwähnt, aber keinen einzigen der zeitgenössischen Künstler, die sich hier mit dem Glauben auseinandersetzen.

Ich bin mit Pfarrer Hermann Glettler verabredet. In seinem Büro sitzen schon Leute: Beba, eine Fotografin aus der Südsteiermark, und Henry, ein kanadischer Medienkünstler, der eines der Kirchenfenster mit einer Installation aus sieben übereinander montierten Monitoren gestaltet hat, über die Bilderserien laufen. Ich bekomme Kaffee. Die Künstler verabschieden sich. Hermann will sich kurz Zeit für meine Fragen nehmen. Zum Beispiel: Wie verträgt sich die Freiheit der Kunst mit der Kirche?

Er lacht. Sagen wir, es gibt Reibungsenergie. Ja, das trifft es gut. Kunst hat eine andere Vision als die Kirche, meint Pfarrer Hermann. Und trotzdem gibt es viele Überschneidungen. Und vielleicht gerade diese gemeinsame Richtung, den Menschen zu seiner Freiheit zu befähigen. Paulus sagt: ‘Ihr seid zur Freiheit berufen.’ Freiheit in Christus. Das heißt: Der Mensch ist durch das Evangelium frei. Er steht nicht unter dem Gesetz. Heute würden wir sagen: Du stehst nicht unter dem Gesetz der vielen Ansprüche oder der perfekten Lebensnormen oder all dessen, was wir heute in göttlichen Rang erhoben haben: erfolgreich sein zu müssen oder aktiv sein zu müssen oder uns, wie es eine Theologin einmal sagte, der ‘Tyrannei des gelingenden Lebens’ beugen zu müssen. Diese vielen, vielen knechtenden Ansprüche kannst du hinter dir lassen, und trotz all dieser Bedingtheiten gibt es Lebensfreude – weil du den Tod nicht fürchten musst. Er hat nicht das letzte Wort.

Und wie sieht es mit der Freiheit des Herzens aus?

In der jüdisch-christlichen Tradition steht immer die Begegnung im Zentrum. Sich selbst verlieren im Du. So wie auch in einer menschlichen Beziehung, wo die intensivsten Momente die sind, in denen man sich selbst vergessen hat. Solange du dich ständig selbst beobachtest oder coachst, wie du glücklich werden könntest in deinem Ferienprogramm etc., bist du nicht ganz beim Du. Die intensivsten Momente sind in dieser Tradition nicht in der Leere zu suchen wie in fernöstlichen Traditionen, sondern im Du. Das gilt sowohl in der Beziehung zu den Menschen als auch in der Beziehung zu Gott.

In Hermanns Büro herrscht kreative Unordnung. Kisten mit Broschüren, sein Schreibtisch zugepflastert mit Zetteln. Hier ist einer rege am Wirken. Hermann- Glettler ist nicht nur der Künstlerpfarrer der Steiermark, sein Haus ist auch die erste Anlaufstelle für afrikanische Katholiken in Graz und für die Migranten, die sich hier im Grazer Bezirk Gries niedergelassen haben. Eine bunte Mischung.

Ich sage: ‘Durch die Beschäftigung mit der Freiheit des Herzens bin ich auf den Begriff “Trägheit des Herzens” gestoßen – eine der sieben Todsünden, die landläufig „Faulheit“ genannt wird. Was hat es mit der Trägheit des Herzens auf sich?’ möchte ich von Hermann wissen.

‘Nach der Bibel ist der Mensch am Gelingen der Schöpfung mitbeteiligt,’ klärt mich der Pfarrer auf. ‘Er hat seinen Beitrag dazu zu leisten. Die Sünde der Trägheit des Herzens heißt auf lateinisch Acedia, und es meint, dass mit dem Müßiggang und mit dem Nicht-Entfalten all seiner schöpferischen und kommunikativen Fähigkeiten der Mensch auch innerlich faul und träge wird und nichts mehr zum Gelingen der Schöpfung beiträgt. Das Herz verfettet, heißt es sehr scharf im Alten Testament. Im Prinzip ein Wohlstandsphänomen. Da gibt es keine Sehnsucht mehr, nichts mehr zu tun, sondern man will vor sich hin genießen oder nur mehr konsumieren. Acedia ist der Verlust der Sehnsucht.’ Andererseits leben wir in einer Zeit, in der ein Segment in der Bevölkerung zu viel arbeitet. Das Nichts-mehr-lassen-können oder Nicht-mehr-ruhen-können ist auch eine schwere Sünde, würde ich sagen. Nichts sein lassen können. Du musst dich beweisen durch Aktivität. Eine Übertreibung des Homo faber, der sich nur spürt, wenn er aktiv ist. Auch das ist ein Aspekt der Acedia. Eine Art hyperaktive Trägheit.

Wir gehen hinaus. Die nächsten Leute kommen vorbei. ENKS, ein Maler aus Ghana, der seit 2003 in Graz lebt, bringt eines seiner naiven Bilder, ein Großformat, das die Außenmauer des Pfarrhofes schmücken soll. Anton Lederer von der Galerie ist gekommen, um das Werk zu begutachten, und vier weitere Leute sind plötzlich auch da und stehen vor dem Bild, das mit dem Lineal und Filzstift gezeichnete Hochhäuser zeigt, ein Flüchtlingsboot auf dem Meer und eine Straße, auf der ein Unfall passiert ist. ‘Starke Steiermark’ hat ENKS darüber geschrieben und die Wörter ‘Love Faith Hope’ in einer Sprechblase über dem Hochhaus platziert.

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Das Schöne an den höheren Häusern im Osten der Stadt ist ihr Blick auf den Bergwald mitten in der Stadt: den Schlossberg mit den Resten der 1809 abgetragenen Festung von Graz. Diese Festung muss ein imposanter Anblick gewesen sein. Und uneinnehmbar. Weder die Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert noch die französischen Truppen zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnten sie knacken. Daher ließ Napoleon Bonaparte nach seinem Sieg über die Österreicher in der Schlacht bei Wagram im Friedensvertrag festschreiben, dass die Grazer Festung geschleift werden muss. Die Bastionen, Wälle, Mauern und Gebäude wurden – bis auf wenige Ausnahmen – gesprengt und abgetragen, der ehemals kahle Berg wurde bepflanzt.

1810 ließ sich ein andere Bonaparte in Graz nieder: Louis, der jüngste Bruder Napoleons, hatte als König der Holländer abgedankt und hatte sich – man weiß nicht, warum – Graz als Stätte seine Exils ausgesucht. Auf dem Weg hierher machte er die Bekanntschaft mit Goethe, der ihn als feinsinnigen, empfindsamen Zeitgenossen beschreibt. Luis Bonaparte erwarb eine Villa in der Nähe des Rosenhains, und er verfasste in Graz unter dem Eindruck einer Begegnung mit Goethe seinen Roman Marie oder die Leiden der Liebe. Louis galt als krankhaft eifersüchtig, seine Ehe mit Hortense war gescheitert. Als empfindsamer Melancholiker, der in seinem Exil ein zurückgezogenes Leben führte, fühlte er sich in Graz bestens aufgehoben. Sein Lieblingsplatz in der Stadt war bei der Kirche von Maria Grün, oder, wie es früher hieß: Maria im Grünen. Auch heute noch fährt man durch ein fast dschungelartiges Waldstück, bevor man zur Kirche gelangt, wo ein Gedenkstein an den König im Exil erinnert. Sein Gedicht ‘Abschied von Graz’ ist dort angebracht – auf französisch und deutsch. Louis verließ Graz 1814, als sich der österreichische Kaiser Franz mit den Russen gegen Napoleon verbündete. Bonapartes Gedicht beginnt mir der Strophe:

Lebt wohl, ihr blühenden Gefilde,
Die oft mir meine Qual gestillt
Mit Ruheträumen mir so milde
Die wundenvolle Brust erfüllt!

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Wenn man zwischen dem Schlossberg und der Kirche von Maria Grün eine Linie zieht und von dort ein Dreieck Richtung Osten aufspannt, wird man im Landeskrankenhaus Graz landen, wo seit einigen Jahren auch die medizinische Universität untergebracht ist. Hier sind die Herzspezialisten zu Hause. Solche, die Herzen verpflanzen, und solche, die für seine Beruhigung sorgen.

Professor Max Moser ist ein Experte auf dem Gebiet der Chronobiologie und der Stressforschung. Er hat die Stressbelastung von Bauarbeitern untersucht und die heilende Wirkung nachgewiesen, die rhythmische Übungen auf den menschlichen Organismus haben. Fernöstliche Mantras zum Beispiel – Om mani padme hum – vertiefen die Erholungsphase bei Menschen; mehr noch aber wirkt der Hexameter beruhigend auf den Körper, fand der Forscher mit eigens entwickelten diagnostischen Methoden heraus.

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,
Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet,
Und durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit
Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuem geschenkt hat.

Und noch eine Erkenntnis konnte Max Moser mit seinen Messmethoden unterstreichen: Es gibt Herzen, die exakt im Rhythmus funktionieren und deren Herzschläge gleichmäßig verlaufen wie das Klopfen einer Stanzmaschine. Das sind die Herzen von kranken Menschen oder solchen, die dem Tod nahe sind. Das gesunde Herz hingegen hat einen Grundrhythmus, den es laufend variiert. Es schlägt mal schneller, mal langsamer; seine Kurven lassen sich nicht mit dem Lineal vorhersagen. Ein gesundes Herz schlägt nicht ganz regelmäßig, sondern schwingt um einen Mittelwert, sagt Professor Moser. Es marschiert nicht im Gleichschritt, sondern das gesunde Herz tanzt.

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‘Hat es dir gefallen?’ fragt mich die Sängerin am Ende des Auftrittes. Künstler wollen immer wissen, wie sie waren, ob sie gut waren oder nicht. Mir geht es gleich. Ich ringe um jedes Wort. Jeder Satz könnte falsch sein, jedes Wort könnte mich blöd dastehen lassen. Ich zweifle am Text, ich zweifle daran, dass die Wörter das sagen, was ich im Kopf habe. Meine Gedanken erscheinen mir folgerichtig und wahr, und im Denken kommen sie mir schön vor (obwohl das kein ausschlaggebendes Kriterium für Gedanken ist). Beim Text aber, der aus diesen Gedanken folgt, habe ich Angst, dass er hässliche Nebentöne von sich geben könnte wie eine quietschende Tür. Ich wechsle den Ort und die Zeit, sogar die Erzählzeiten kommen mir durcheinander. Vielleicht befreit mich dieses Springen in den Dimensionen von meinen Zweifeln. ‘Doubt can make you stop’. Ich habe schon zu viel gelesen, zu viel gehört, zu viel gewusst. Ich denke an die weltberühmten Autoren, die in Graz waren und die Stadt mit ihrer Poesie füllten: Brodsky, Handke, Pynchon, Herta Müller, Jelinek. Ich muss alles wieder vergessen, um mich frei im Text bewegen zu können. Muss zum Kind werden, um nichts mehr zu müssen. Und hoffe trotzdem, dass der Text gefällt, dass er denen, die ihn lesen, Räume eröffnet, ohne dass die Tür quietscht. Und jetzt fragt sie: ‘Hat es dir gefallen?’

Die Mystiker hatten die Freiheit des Herzens stets im Augenblick gesucht, im Ganz-da-sein, im Gewahrsein. Das war in dieser Musik zu spüren gewesen, das hatte ihr Auftritt ausgestrahlt und auch wenn der Musikkritiker, der das Lokal längst verlassen hatte, damit recht hatte, dass nicht jeder Ton zu 100 % sauber gesungen war, zählte dieses im Hier-und-Jetzt-Sein für mich mehr als die exakte Wiedergabe der musikalisch richtigen Schwingung. All das sage ich ihr nicht. Ich sage nur: ‘Ja, ich fand es super.’

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Graz hat sich viele Namen zugelegt. Weltkulturerbe, Kulturstadt, Genussstadt, was den Tourismus betrifft; Automotive City, Eco-Stadt, was die Wirtschaft angeht; City of Design, Einkaufsstadt und Menschenrechtsstadt, in der das Menschenrecht Betteln unter Strafe gestellt wird. Es ist eine reiche, lebenswerte Stadt im Herzen Europas, und es ist eine Stadt, die sich und ihre Bürger über Gebühr selbst einengt. Daher ist Graz mitunter am Schönsten, wenn es unter einer Wolkendecke verschwunden ist.

An trüben Wintertagen, an denen in Graz der Hochnebel regiert, ist es absolut beglückend, mit der Gondel auf den Grazer Hausberg Schöckl zu fahren. 10 Kilometer entfernt von der Stadt ragt das Hochplateau des Berges 1445 m in den Himmel – hoch genug, um den Nebel unter sich zu lassen. Wenn man an so einem Nebeltag auf dem Schöckel steht und sich unten, auf 1000 m Seehöhe, die Hochnebeldecke über dem Grazer Becken ausbreitet, während einem hier oben die Sonne ins Gesicht strahlt, hat man das Gefühl an einem Meeresstrand zu stehen. Man blickt in ein Meer aus Wolken, und am Rand zeichnen sich im Westen und Süden die Berge ab. Absolute Freiheit.