Für S., meinen Prinzen
In Graz bin ich noch nie gewesen. Diese kleine Stadt mit einem sogenannten Berg in ihrer Mitte, darauf ein Uhrturm: ich kenne sie nicht. Das wäre ein guter Anfang.
In Wirklichkeit oder vielleicht leider wohne ich seit zwanzig Jahren hier. Diese Stadt ist mir so selbstverständlich geworden, dass ich nicht weiß, was ich noch über sie berichten soll. Ich will auch gar nicht schimpfen, bloß: Graz ist eine mittelkleine Stadt mit mittelkleinen Provinzialitäten. Graz war nie mein Zuhause und je älter ich werde, desto enger erscheint es mir. Es ist ein belangloses Armdrücken jeden Tag zwischen mir und dieser Stadt. Graz versucht mich runterzuziehen, ich drücke zurück. Ich erzähle oft davon, dass ich bald weggehen werde. In Gedanken schmiede ich Abschiedspläne und –parties. Im Moment bin ich noch hier. Werde ich einmal nicht mehr hier sein, könnte mir leid tun, dass ich an Graz vieles doch nicht kenne.
Ich besuche also Plätze, Orte, Stellen, die ich nie zuvor gesehen habe. Vielleicht verliebe ich mich doch noch in Graz, wenn ich es mit der Neugier eines frisch Zugereisten zu betrachten lerne. Das wäre schön. Dann könnte ich, wohin auch immer ich gehe, ein bisschen was wie Wehmut dieser Stadt gegenüber mitnehmen.
Die Trafik am Dietrichsteinplatz, gleich neben dem Pamukkale. Die Feuerwache Süd. Die Uhlgasse. Eine Bank zwischen den Straßenbahnhaltestellen Teichhof und Tannhof lädt mich ein, ich stelle mein Fahrrad ab, hinter mir gibt es einen Bach. Ich rauche eine Zigarette, ein Zündholz explodiert zwischen meinen Fingern. Leider gibt mir das alles: nichts.
Die Hunde der Ebene erschrecken mich nicht so sehr wie der rundherum bellende Feinstaub. ‘Schau, da drüben habe ich einmal gewohnt,’ sagt S., ‘und dort die Familie P.’ Familie P. ist die Familie eines gemeinsamen Freundes. Ich sage, ‘wie schön,’ und sehe mich verstohlen um. Wir stehen an der Kirche, an der ich einmal unzüchtige Handlungen vorgenommen habe, an der Mauer. Damals war es finster und ich betrunken und erst jetzt, zehn Jahre später, habe ich das Schild gesehen, auf dem steht: ‘Wir bitten diese Stätte mit Würde zu behandeln’. Denn diese Stätte ist ein Grabhügel von anno dazumal. Ein schöner Ort. So ist das Leben: Wir müssen uns regelmäßig verzeihen. Ich nehme Essens Hand und wir gehen weiter zu einem Achterl Sauvignon Blanc, der so intensiv riecht und schmeckt wie der Keller meiner Kindheit. Danach gerieren wir uns über den Rotwein, den sie uns im Parkhouse ausgeschenkt haben. Denn, lasst euch sagen, es passiert selten, dass S. und ich gefüllte Gläser stehen lassen.
Dreihundert oder vierhundert Stufen hinauf in einen schönen Wald. Es ist ein Ort, den S. und ich gesucht haben. Beim ersten Verirren habe ich mich zwischen Kühen wiedergefunden: Graz möchte so gerne eine Stadt sein und stinkt auch genau so, ansonsten ist es einfach nur ein Vorort zu einem größeren Ganzen. Mit Kühen. Ganz oben stellen wir uns auf so morsche Tische und fühlen uns wie die Könige der Welt. Ich nehme Schneckenhäuser in die Hand, für die ich auf meinem Arbeitsplatz eine Sammelstelle eingerichtet habe. Dann lasse ich sie doch wieder fallen, damit ich sie auf dem langen Heimweg nicht in meiner Jackentasche zerdrücke. Würde ich zuhause nur Schneckenhausfragmente in meiner Hand betrachten können, fühlte ich mich traurig. Eines hebe ich noch auf und spüre gleich, es ist bewohnt. Keine Panik, ich lege dich in sanftes Moos zurück und hoffe, dass du es noch ganz lange machst. Am Nachhauseweg sehen wir ein Reh und es sieht uns. Kurzes Verharren in gegenseitigem Respekt. Wir verharren alle einen Moment lang in gegenseitigem Respekt.
S. sagt, wäre er ein reicher Prinz, würde er mir diesen Wald kaufen, und rundherum noch ganz viele Wälder, damit ich meine Ruhe habe. Reich ist er nicht, S., aber Prinz meines wildpochenden Herzens und ich möchte ihn hier und jetzt spontan auf einem Moosbett lieb haben, nicht ohne vorher eine Umsiedelungsaktion aller im näheren Umkreis gefährdeten lieben Schnecken vorgenommen zu haben.
Graz, oh Graz, wie gerne möchte ich mich umgehend von Dir verabschieden. Fast zähle ich die Tage bis zu meinem Adieu. Anschließend werde ich vielleicht traurig sein, denn in Abschied bin ich gar nicht gut. Aber ich möchte es so gerne einfach darauf ankommen lassen. Dass ich noch hier bin ist das offene Ende eines Provisoriums.
Im Garten meines Innenhofes pfaute, es war einmal, vor langer Zeit ein Fasan auf und ab. Keiner konnte sich erklären wo er herkam (vom Schloßberg herabgesegelt? Vom Himmel gar?). Er nahm sich gelassen Zeit, herauszufinden, wie er aus dem Innenhof wieder entfliehen könnte. Fasane benötigen einen ziemlich langen Anlauf, um starten zu können. Aerodynamisch ungünstige Vögel, diese Fasane. Endlich hatte er die richtige Diagonale im viel zu kleinen Garten meines Innenhofes herausgefunden und startete und war weg und ward nie wieder gesehen. Ich bin auch ein aerodynamisch ungünstiger Vogel in einem viel zu kleinen Innenhof.
Am selben Abend gehe ich laufen und ich laufe schlecht und unmotiviert. Es ist ein lauer Frühlingsabend doch ich komme nicht in die Gänge. Als ich einen pummeligen Igel vor mir auf dem Gehsteig sehe, bleibe ich stehen und gschuhe ihn zurück auf seine Seite. Dabei weiß ich gar nicht, welche Seite seine Seite ist. Ich will nur nicht, dass er auf der Straße stehen bleibt und überrollt und zerquetscht wird und alles, was ich morgen Abend sehen würde, wenn ich wieder laufen ginge, wäre Igelmus. Das könnte ich mir nicht verzeihen und der ganze Film ist schon durch meinen Kopf, bevor ich noch abgebremst habe und stehen geblieben bin. Der liebe Igel. Der liebe Igel muss jetzt zurück auf die linke Seite und ich mache Geräusche (gschuh) und ich klatsche, und ich wachle mit den Händen, weil ich nicht ganz sicher bin, auf was mein lieber Igel reagiert. Er reagiert endlich, und läuft zurück nach links und während ich dämlich lächelnd wieder anlaufe, muss ich an die zwei Königskinder denken, die zueinander nicht kommen konnten. Vielleicht hat der liebe Igel eine liebe Igelin auf der anderen Seite der Straße und dauern kommt ein Tierfreund wie ich, der sich seinen täglichen Pfadfinderkick aus dem Verorten von vermeintlich hilfsbedürftigen Tieren holt, siehe oben, Schnecke. Und dann denke ich, ich bin vielleicht wie dieser Igel, der so gerne auf die andere Seite möchte, raus aus Graz, zu S., meinem Königskind und dann fügen sich schon die Puzzleteile: der Prinz, der motivierte Fasan, der paarungswillige Igel: ich und die wilden Tiere von Graz. Wie ich einmal nicht von Graz weg konnte. Das wird ein schöner Text und ich laufe hochmotiviert und seitenstechendverachtend nach Hause.
Am nächsten Tag sehe ich eine tote Maus in den Straßenbahngleisen in der Sackstraße und denke: Oje. Das ist die Maus, die es nicht geschafft hat, rechtzeitig über die Straße, weg von den Gleisen, raus aus Graz zu kommen. Ich bin die Maus und die Maus ist tot und vielleicht ist meine Idee doch keine so gute Idee.
Der Straßganger Friedhof, das Straßganger Bad. Das Schloß- und Schlüsselmuseum in der Wienerstraße. Die Wiki-Akademie, in der auch Erste-Hilfe-Kurse abgehalten werden. Orte, an denen ich noch nie war. Das Männerklo im Literaturhaus, nein, stimmt nicht, in dem war ich schon und wen habe ich dort getroffen? Meinen Onkel! (Eine nicht so lange und verwirrende Geschichte, wie es vielleicht klingt).
Hingegen das Männerklo im Running Horse: dort war ich wirklich noch nie und habe mich auch nicht hineingetraut, als S. mich mehrfach dazu aufforderte. Ich solle darin auf die Tafel schauen. Nur einen Blick. Ich war zu feig. Ich betrete ungern Männerklos, weil man nie weiß, was dort alles geboten wird, wo die Pissoire angebracht sind, und so weiter. Magda, die sich sehr wohl getraut hat, hineinzugehen und nachzusehen, berichtet mir, dass jemand auf die Tafel geschrieben hätte: ‘Ein viertelheller Mond läuft viel zu schnell durchs Fenster. Und viertelhelle Striche spalten meinen Traum.’ Das ist ein Anfang eines Gedichtes, das noch dazu ich geschrieben habe und S., der Romantiker, hat es auf die Tafel im Männerklo gekritzelt. Ich fühle mich sehr gerührt und gleichzeitig furchtbar feig.
Tage danach packe ich den kleinen Hund meines Erstgeborenen und gehe mit ihm spazieren. Der Hund heißt Amy und ist wirklich klein. Sie will eigentlich auch gar nicht spazieren gehen, es ist zu heiß. Wir treffen in der Schröttergasse einen Hund, der noch kleiner ist als unser wirklich sehr kleiner Hund: es ist ein Chihuahuababy namens Lea. Sie ist weiß und tennisballgroß und ähnelt großartig einer Ratte. Ich wollte dem Hund heute die Führung überlassen. Mit Amy an der Leine, so mein Gedanke, würde es mir nicht schwer fallen, unbekannte, neue Orte zu finden. Wenn es sein muss, aus der Hundeperspektive.
Amy findet aber bloß ein angekautes Stück Schnitzel, ist hin- und hergerissen, möchte es eigentlich fressen, wird aber von den vielen darauf herummarschierenden Ameisen abgestoßen: Der Appetit siegt, aber nur kurz, mit ameisenumkrönter Schnauze springt sie zurück und zieht mich weiter.
In der Grabenstrasse steht seit gefühlten zwanzig Jahren das gleiche Graffito: ‘ICH LIEBE MEINE NE’. Ich liebe das ‘ICH-LIEBE-MEINE-NE’-Graffito. Es hat mir lange Zeit Rätsel aufgegeben. War es, weil die Grabenkirche nicht weit ist, vielleicht ein Ausbruch von Christlichkeit eines rechtschreibtechnisch nicht ganz sattelfesten Verfassers (‘ICH LIEBE MEINE NECHSTEN’)? Nein, die naheliegendste Vermutung ist natürlich die beste, es handelt sich ganz sicher um einen Mädchennamen. Bloß, um welchen? Außer Nelly und Nena fällt mir nichts ein, schon seit zwanzig Jahren fällt mir außer Nelly und Nena nichts ein und Nelly und Nena sind nun wirklich gar nicht grazerisch. Später hätte man vielleicht Netrebko daraus machen können, aber die war vor zwanzig Jahren noch nicht so populär und ich schätze, nur ganz wenige Jugendliche würden ausgerechnet ‘ICH LIEBE MEINE NETREBKO’ an eine Hausmauer graffitisieren.
(S. bringt dann schnell und ohne Nachzudenken die Lösung, klar, es muss natürlich ‘ICH LIEBE MEINE NEBENHÖHLENENTZÜNDUNG’ heißen, denn im gleichen Haus praktiziert mein Hausarzt. Freiheit für die Nebenhöhlenentzündung!)
Ich erinnere mich sanft daran, dass ich auch Orte, die ich kenne, einmal nicht gekannt habe und welche dieser Orte mich beim ersten Kennenlernen am meisten beeindruckt haben – das Landeszeughaus. Der Innenhof des Franziskanerklosters. Das Institut für Archäologie im Hauptgebäude der Universität. Der Kunstgarten. Die Starhemberggasse. Eben. Geht ja.
Im Innenhof des Franziskanerklosters war ich das erste Mal im Jahr 2003. Ich kann mich an Jahreszahlen normalerweise nicht erinnern. Diese habe ich mir gemerkt, denn 2003 hatte die Kultur in Graz Einzug gehalten und tafelte prächtig. Einer der schwellenärmsten Orte war der Ort der Stille und dieser befand sich eben im Franziskanerkloster. Ich ging dorthin, weil man dorthin gehen sollte um ein Gedicht zu schreiben oder ein Bild zu malen (Papier und Stifte konnte man aus einer am Gang aufgestellten Holzkiste nehmen). Das ist ein schöner Klosterinnenhof mitten in der Stadt und kaum einer kennt ihn. Man kann sich auf eine Bank setzen und dem Garten lauschen, man kann auch beten, wenn man das möchte. Aber man muss nicht, und das ist schön. Ich habe dort ein Gedicht geschrieben und in die dafür vorgesehene Sammelbox geworfen. Das war mein Beitrag zum Kulturjahr 2003. Umgekehrt war der Beitrag des Kulturjahres an meine Biographie die Möglichkeit zur Entdeckung dieser Oase der Besinnlichkeit.
Abends entdecke ich voller Freude eine neue Straße namens Kettengasse. Sie ist mir beim ziellosen, gemächlichen Radeln durch meinen Bezirk aufgefallen, ich fahre durch, sie ist kurz und klein. Rauskomme ich am Schwimmschulkai und sofort steigere ich mein Tempo. Am Schwimmschulkai gibt es nichts Zielloses, jeder, egal ob Fußgänger, Radfahrer oder Inlineskater hat hier eine Destination: so schnell wie möglich ans andere Ende zu kommen. Weil der Schwimmschulkai eine der wenigen autofreien und beschaulichen Geraden in Graz ist, wird er nahezu rund um die Uhr von Fitnesswilligen zu einer ungemütlichen Stätte des Freizeitstresses gemacht. Meine Kinder und die Kinder mindestens der Hälfte aller Grazer haben hier Radfahren gelernt und wurden gleichzeitig auf die rüden Sitten des hiesigen Straßenverkehrs eingeschworen. Nicht nur einmal wurden sie von muskelbepackten Läufern beflegelt, die auf dem Weg zu einem besseren Selbst nicht mit Kindern im Weg gerechnet hatten. Ich selbst bin Läuferin, doch weil alle Läufer, die mir hier oder im Stadtpark oder in der Keplerstraße (es wird mir auf ewig ein Mysterium bleiben, wieso Läufer auch an den verkehrsreichsten Straßen Graz mit Sicherheit zu finden sind) entgegen kommen, immer einen leichten Hauch von gequälter Ungesundheit mit sich tragen, versuche ich, gemäßigt zu laufen, höchstens dreimal in der Woche. Beim leichtesten Unwohlsein verschiebe ich mein Fitnesssoll ohne den leichtesten Hauch schlechten Gewissens. Ein großer Hund schaut mich über eine Balkonbrüstung an, er hat die Vorderpfoten aufs Geländer gelegt und sieht zu mir hinab. Eine grauweiße Katze quert meinen Weg und ich freue mich. Bei einem Hund bleibe ich indifferent, die Vornehmheit einer jeden Katze erfreut mich augenblicklich.
Leider haben wir selber einen Hund. Ich kann nichts machen. Ich habe ein einziges Mal aus erziehungstechnischen Gründen nachgegeben, nun haben wir einen typischen Wohnungshund, wie es so viele in Graz und allen Städten gibt. Wie schon vorhin erwähnt, er ist nicht sehr groß. Wenn er einmal nicht will, wie ich will, ergreife ich ihn an seinem Brustgeschirr und trage ihn wie eine Handtasche. Und jetzt alles retour, denn es ist kein er sondern eine sie.
Wäre ich noch nie in Graz gewesen, würde ich die Eisengasse nicht kennen, das Langedelwehr oder die Starhemberggasse. Dort und auch sonst wo leben Menschen, die entweder mit mir nichts mehr zu tun haben wollen oder mit denen ich nicht mehr rede. Wir haben uns aus unseren Leben gegenseitig hinausgestrichen und oft ist das ganz undramatisch passiert. Die Starhemberggasse ist, wie einige andere Adressen in Eggenberg, so ein bisschen ein Scherbenviertel. Die Stadt hat sich behördlicherseits bemüht, das zu ändern: mit EU-Geldern bunte Balkone montiert und so, aber die Menschen, die dort wohnen, kann man nicht ändern und die wollen sich auch nicht ändern und ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll oder schlecht. Ich glaube, ich finde es gut, will aber in die Starhemberggasse nicht ziehen. In der Starhemberggasse hatte ich einmal eine Freundin, der ging es, wie vielen meiner Freunden oder Freundinnen: dass sie irgendwann aufhören, meine Freunde und Freundinnen zu sein, weil ich mich nicht mehr für sie interessiere. Ich sage ihnen das nie, ich suche und finde immer einen Vorwand und den kaue ich dann solange innerlich wieder, bis er ein Grund geworden ist. Der Grund ist dann so einleuchtend und übermächtig, dass ich ihn nicht einmal mehr mitteilen muss, ich breche den Kontakt ab und mache mir ganz lange keine Gedanken mehr darüber. In der Eisengasse aber lebt ein Exfreund und kaum habe ich begonnen, diesen Absatz zu schreiben, treffe ich ihn in der Humboldtstraße wieder: ich warte auf den 63-er und er radelt an mir vorbei und wir sehen uns in die Augen. Es ist ein Moment unbiblischen Erkennens und wir sind beide froh, als er vorüber ist und vergessen gleich wieder.
Mit dem 63-er fahre ich dann Richtung Raaba, was aber definitiv nicht mehr zu Graz gehört, weswegen ich von den aberwitzigen Ereignissen, die mir dort widerfahren (es ist Ostern) nichts berichten kann.
Vielleicht ist es ja auch so: dass ich aus dieser Stadt weg will, damit ich nicht dauernd daran erinnert werde, dass ich nicht willens bin, mit Menschen länger auszukommen. Sie werden langweilig, könnte ich behaupten, oder mir in irgendeiner anderen Art und Weise zuwider. Ganz wenige schaffen es, die Spannung aufrecht zu erhalten. Ich mag es nicht, wenn etwas zu vorhersehbar wird. Gut, das betrifft jetzt nicht nur meine Menschen, das betrifft mein ganzes Leben. Ich habe nicht einmal ein schlechtes Gewissen deswegen. Vielleicht, um mich irgendwie daraus zu retten, vielleicht überträgt sich die Langeweile, die Graz in mir induziert, auf meine Freunde beziehungsweise Exfreunde. Dann bin ich daran nicht ganz alleine schuld.
Und Graz ist so klein. Ich treffe dauernd Leute, denen ich lieber ausweichen würde: Exfreunden, den besagten Freundinnen, bei denen ich mich grundlos niemals wieder melde. Zahnärzten und Kontobetreuern. Es ist zum Heulen. Ich weiß nicht, wie die anderen das ertragen. Ich höre auch nur ganz selten von den Fällen, die einfach wirklich weg gehen, weg, weg, weit weg. Nach Wien, Berlin oder Sardinien, das war bis jetzt das weiteste aus meinem Bekanntenkreis. Einige, jung, ungebunden oder Künstler, behelfen sich mit mehreren Wohnsitzen in mehreren mondänen Städten.
In meinem Bett ist eine Mulde und diese Mulde ist ganz neu. Nie zuvor war ich an diesem Ort, in dieser Mulde und sie erinnert mich an etwas Wunderbares. Und dann fällt mir ein, wie es wirklich ist, Graz.
Der Bezirkssportplatz in Andritz. Giovannis Garden. Die Waldorfschule auf der Ries. Die kleine Kapelle, wenn es denn eine Kapelle ist, die man sieht, wenn man bei der Haltestelle Weinzödlbrücke auf den Bus wartet. Dort auf dem abgeholzten Hang gegenüber.
S. sagt, er bevorzuge es, nicht daran zu denken, ob ich einmal in seine Nähe rücken werde oder nicht und ich schlage mir mit der flachen Hand auf die Stirn und denke: Das ist doch auch einmal mein Motto gewesen. So bin ich doch auch einmal gewesen. Ich muss mich daran erinnern, was mir diese Stadt bedeutet, was sie jetzt ist. Wenn ich mit S. spazieren gehe oder auch, wenn S. nicht hier ist. Da lebe ich ja auch.
In den schönsten Zeiten von Graz gehe ich schon vormittags auf den Lendplatz, um eine Beiriedschnitte zu kaufen oder ein paar Radieschen. Danach ein Achterl, alles in der Arbeitszeit. Ich laufe um Geburtstagsgeschenke und betrete Warenhäuser, die sich gerieren, als wären sie in einer viel größeren Stadt, als wären sie Harrods in London zum Beispiel. Dort singen Opernsängerinnen um den Egyptian Escalator, das wird der Kastner sicher auch noch bringen. Denn der Kastner ist Spektakel eines nicht vorhandenen Understatements. Ich mag ihn nicht, doch nur dort gibt es Pokerkarten wie im Casino, Pokerkarten, die mein Sohn braucht, er wurde siebzehn. Bald ist er achtzehn und will aus dieser Stadt nicht weg. Dann soll er hierbleiben, denke ich, hole seine Torte ab, gleich im Cafe gegenüber. Auf der Torte steht: Lang lebe David.
In den schönsten Zeiten dieser Stadt bevölkern Wesen, Freunde, meine Wohnung, trinken und essen. Lesen und machen Musik, wir freuen uns alle. Die Nachbarn mit dem Neugeborenen unter mir denken bereits schlecht von mir, obwohl sie erst vor wenigen Wochen hier eingezogen sind. Der Balkon hat einen Sprung. Er ist aus Naturstein wird mir erklärt, fast völlig unmöglich, wenn nicht gar ausgeschlossen, dass er unter arger Belastung Trinkender und Rauchender und Essender zusammenbricht. Ich will nicht sterben hier in dieser Stadt, indem ich vom Balkon falle. Ich will aus Graz weg, bevor mein Balkon bröckelt, schwöre ich mir. Steht man bei mir am Balkon, sieht man den Schloßberg in all seiner Pracht, das wird mir fehlen. Es wird mir fehlen zu Sylvester das Feuerwerk ganz nah und doch in sicherer Distanz zu betrunken schwebenden Bierflaschen hautnah miterleben zu dürfen. Manchmal hört man eine Rettung durch die Grabenstrasse fahren, das Folgetonhorn ganz laut, ganz laut, es hört nicht auf, dann heißt das, dass irgendein blöder Autofahrer nicht rechtzeitig ausgewichen ist, jetzt steht sie da die Rettung und will weiter, aber kann nicht. Der ganze Innenhof ist Folgeton.
Meine schönsten Zeiten sind in dieser Stadt mit S. an meiner Hand. Das geht auch anderswo, doch S. stammt von hier. Jetzt lebt er woanders, aber es ist doch ein Gutes, denke ich mir, an Graz, wenn sie so etwas Schönes wie S. mithervorgebracht hat.
Ich bin wie hier eingeschweißt. Ich rette mich ganz gern in meine Tagträume. Dann träume ich mich dorthin, wo ich herkomme (das ist nicht Graz) oder dorthin, wo ich hin will (also überallhin). Sehr viele meiner lieben Menschen verstehen nicht, was ich denn an Graz auszusetzen habe. Dann versuche ich, es zu erklären, kann irgendwann nicht mehr weiter, stehe an und auf und schließe meistens mit: Ich bin einfach schon zu lange hier.
Die Friedrich-von-Gagern-Allee. Der Büchersegler, ein neues Buchgeschäft. Das Stukitzbad und die Rebengasse. Der Metahofpark, in dem ich nur einmal war, und das ist schon so lange her. Vieles ist nicht wahr, es wird sehr viel gelogen hier, das fällt mir auch noch ein. Ich nehme das Armdrücken-Motiv von der ersten Seite herunter und füge es hier ein und mache ein abschließendes Gedicht daraus. Es geht so.
Wir veranstalten ein Armdrücken, meine Stadt und ich
Sie stemmt mich nieder und ich drücke dagegen
Ich bin nicht so gut darin
Sie hat mehr Konsequenz, und Tauben
Die Tauben stören mich gar nicht so, was mich behelligt
Sind die Menschen, dass ich alle, alles kenne ich
Dass jeder mich an jeder Straßenecke grüßt
Keiner küsst mich
Die Stadt ist klein, mein Geist ist groß
Zumindest rede ich mir das gerne ein. Die Vöglein zwitschern
Von diesem Berg herab in meinen Garten
Der Berg ist überall und wo man ist, ist Berg
Was nicht bedeutet, dass man eingekesselt ist. Das wiederum gefällt mir.
Man kann hier durchaus atmen.
An vielen schönen Stellen geh ich gern vorüber
Ich hatte einschneidende Erlebnisse hier, erste Küsse,
Geschlechtsverkehr, und so. Ihr wisst schon.
Dreitausend Gänge durch so fremde Gassen.
Ich weiß doch eigentlich auch nicht, was mich stört,
an dieser, meiner kleinen Stadt.
Jetzt hat sie glatt schon wieder gewonnen.





