Graz ist für mich eine Stadt, in der Menschen verschwinden und ich meine das so, wie ich es sage, wortwörtlich und ohne Abstriche: Graz ist für mich eine Stadt, in der verschwundene Menschen zu Hause sind. Selbst dieser Satz, einmal ausgesprochen, verschwindet, ist ein verschwundener. Ich lausche ihm nach, während unter meinen Füßen die Äste brechen. Nach all dem Regen der letzten Tage ist der Andritzbach ein reißendes Gewässer, er verschluckt jedes Wort, das man im Vorübergehen spricht.
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Ich war vier Jahre alt. Vaters Mädchen. Er nannte mich seine kleine Frau. Zwinkerndes Auge, ich spiegelte mich darin. Mehr als das Haus, in dem wir lebten, und seine nackten Wände, war es dieser sein Blick, der mir Obdach gab. Er umschloss mich, dunkles Grau, wie eine Haut, fest und stark. Erst um sehr vieles später habe ich entdeckt, dass auch die dickste Haut eine durchlässige ist. Ein spitzer Gegenstand genügt, um in ihr weiches Inneres zu dringen.
Damals aber war Vaters Blick mein Zuhause. Ich sage: Damals. Wie in den Märchen. Vor langer, langer Zeit. Vater würde mich hochheben, auf seine Schultern nehmen, den Zösenberg hinunter, im Siebenmeilenschritt, an Pferdchen und Zicklein vorbei, bis zum Ursprung tragen. Wir waren ein zweiköpfiger Riese. Vater würde mir von der Schöcklhexe erzählen, ihren struppigen Haaren, dem finsteren Wetterloch, aus dem sie den Hagel spuckte, dem einen Hagelkorn, in dem ein Haar von ihr eingeschlossen sei. Wer es fände, der habe Glück. Von daher weiß ich, dass das Glück etwas ist, was man suchen muss. Und weiter noch: Etwas, was man vielleicht niemals findet.
Der Ursprung ist eine Quelle. Es heißt, in ihm sei ein Schloss versunken. Die Nymphe, die es einst bewacht habe, sei an Land gezogen und zu Tode geprügelt worden. Für immer verschollen: die Schätze des Schlosses, für ewig verklungen: der Nymphengesang. Vater sagte: ‘Wenn das Licht schräg durch die Bäume auf das Wasser fällt, dann sieht man an den Berlen, den Sumpfpflanzen, noch einen Hauch von Gold. Und wenn der Wind über die steinerne Mauer fährt, dann hört man ein fernes Wehklagen wie das Verrinnen von Zeit.’ Ich hielt die Luft an und wagte kaum auszuatmen. So sehr wünschte ich mir, ich könnte es hören. Vaters Hand im Rücken stand ich da, mit aufgeblähten Wangen. Immer wenn mir die Luft ausging, war es, als ob ich gerade den entscheidenden Moment verpasst hätte. Es macht nichts, lachte Vater: ‘Hier am Anfang der Welt kommt alles irgendwann zusammen.’ Das war unser Geheimnis. Dass hier alles irgendwann zusammenkäme.
Es gibt andere Orte, an die ich mich erinnere. Wiesen und Wälder ohne Namen. Von allen Orten jedoch ist es der Ursprung, feucht und dunkel, mit dem ich das sichere Gefühl verbinde, einmal klein gewesen zu sein. Manchmal träume ich von ihm und rufe im Aufwachen ein mir fremd gewordenes Wort. Es kommt aus der Tiefe, zieht mich hinab und für Sekunden sehe ich mich selbst, mit dem Gesicht nach unten, zwischen schwimmenden Insekten treiben. Das Bild trage ich den ganzen Tag mit mir herum. Auf eine Art träumt es mich. Nicht umgekehrt.
Am Anfang der Welt waren nur wir, Vater und ich. Wir warfen Kieselsteine und zählten die Kreise. Kauten an Grashalmen und sammelten Schnecken. Noch nachdem sie sich in ihr Gehäuse zurückgezogen hatten, verriet sie eine schleimige Spur. Wir sprachen selten über Mutter und wenn, dann sehr leise. ‘Sie hat Kopfschmerzen,’ flüsterte Vater, ‘in ihrem Kopf blitzt und donnert es.’ Sein Flüstern wurde schwächer, brach schließlich ab, war ein Schweigen. Hielt es lange genug an, konnte ich nicht mehr sagen, ob es sie überhaupt gab. Jene Hand, die schlaff aus dem Laken herausfiel. Jene herausgefallene Hand, die sich nicht bewegte, im Dunkel des Zimmers. Und die Sonne flirrte staubig durch die nach unten gewendeten Jalousien. Jene von der Sonne beschienene Hand, die sich plötzlich daran erinnerte, eine lebendige zu sein, sich plötzlich regte, hin zum Nachtkästchen, eine Flasche ergriff. Zügiges Schlucken, auch jenes. Ein langgezogenes ‘Aaaah!’ Dann wieder Stille. Die Hand sank zu Boden. Mit ihr die Flasche, sie kullerte unter das Bett. Jenes Geräusch, wenn sie am Ende zum Liegen kam, jenes sanfte Ausklirren, war das, was ich damals unter Mutter verstand.
Ich könnte noch anderes hinzufügen. Die Tablettenschachteln zum Beispiel. Wenn sie leer waren, durfte ich mit ihnen spielen und sie als Bauklötze verwenden. Hier hast du eine. Mutters müde Stimme. Dann und wann würde sie mich zu sich winken und erstaunt feststellen, wie groß ich geworden sei. Wie eine entfernte Verwandte. Mich an die Brust drücken, dass ich fast erstickte, scharfer Geruch aus ihrem Mund, mich wieder loslassen, zurück ins Kissen, so als ob es sie überaus geschwächt hätte, mich umarmt zu haben. Für heute reicht es, sagte sie: ‘Mehr geht einfach nicht.’ Und: ‘Mach die Tür zu, wenn du gehst. Aber bitte ganz sachte.’ Mit vier Jahren hatte ich schon gelernt, wie man eine Tür sachte zumacht. Ich kann es heute noch. So etwas verlernt man nicht. Auf Zehenspitzen schlich ich durch den Flur bis ans vorderste Fenster. Wenn die Uhr sechs Mal schlug, tauchte Vater hinter den Büschen auf.
Es war er, der mich morgens weckte. Er, der mich ankleidete und mir die Haare band. Der mir ein Jausenbrot strich. Butter und Marmelade. Der mich ins Auto setzte und mir im Kindergarten, halb im Eingang stehend, einen Kuss auf die Wangen drückte. Frau Drechsler, die Nachbarin, brachte mich mit Maria, ihrer Tochter, wieder heim. Es ist zu traurig, seufzte sie jedes Mal, wenn sie mich sah, und hielt abrupt inne, wie um ihren Worten Gewicht zu verleihen. Die restliche Fahrt über spürte ich ihre Augen, im Rückspiegel, sengend auf mich gerichtet. Maria fragte mich, ob auch meine Mutter einen silbergrauen Mercedes führe. Ich nickte: Ja, so ungefähr. Und irgendwie stimmte das auch. Mutter fuhr und fuhr und fuhr. Die Haare vom Fahrtwind zerzaust. Fuhr sie dahin. In ihrem Bett, das ein silbergrauer Mercedes hätte sein können.
Was ich sagen wollte: Es war Vater, der mir abends eine Suppe kochte. Er, der mir das Radfahren und Schwimmen beibrachte. Der mir Geschichten erzählte von der Weißen Frau, die sich in Rauch aufgelöst hatte. Der mich zudeckte und bei mir blieb, bis ich eingeschlafen und eines Tages wieder aufgewacht war.
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Ich war sechs Jahre alt. Gewinnerin des Buchstabierwettbewerbs. Der erste Preis war eine Füllfeder gewesen. ‘Ganz Andritz,’ hatte die Lehrerin gesagt, ‘ist stolz auf dich,’ und ich erinnere mich, dass aus ihrem Mund das Wort Andritz wie die große, weite Welt, all ihre Städte und Dörfer, ihre Berge und Flüsse tönte. Frau Drechsler hingegen schien enttäuscht zu sein. ‘Das nächste Mal,’ sagte sie zu Maria, ‘musst du dich ein bisschen mehr anstrengen.’ Und zu mir, mit einem schiefen Lächeln, das nicht gerade werden wollte: ‘Da wird sich deine Mutter aber wirklich sehr freuen.’
Endlich zu Hause schlüpfte ich lautlos aus den Schuhen. Mutters Tür war nur angelehnt, ich hörte sie dahinter schwach hüsteln. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich zu ihr gehen und ihr die Füllfeder zeigen sollte. Aber da war ihr Hüsteln ein breiiger Husten geworden. Ich hörte, wie ihre Hand, jene schmale, von schimmernden Adern durchzogene Hand, hin zum Nachtkästchen, etwas umwarf, sich danach ausstreckte, es gierig umklammerte. Hektisches Aufschrauben. Der Augenblick war vorbei. Wieder einmal hatte Mutter eins ihrer dünnen Versprechen gebrochen: ‘Morgen werde ich dir Palatschinken mit Erdbeeren machen.’
In der Küche fand ich im Kühlschrank eine Spinatlasagne. Ich stellte sie in die Mikrowelle und drehte auf zwei Minuten. Als ich mich umsah, fiel mein Blick auf den Tisch, kariertes Wachstuch, die vom Frühstück übrig gebliebene Semmel, einen Zettel, der, die Ränder nach oben gebogen, seltsam einsam, beim Brotkorb lag. Ich nahm ihn hoch und buchstabierte. Da war ein L. Und ein E. Und ein B. Ein W, etwas krumm. Ein O. Ein stummes H. Und ein L. Darunter: Vater. Ich las: Leb wohl. Die Mikrowelle schnurrte. Es machte ‘Tsching!’ Zerlaufener Käse. Immer wieder las ich dasselbe, ohne dass ich seinen Sinn verstand. In meiner Hand war der Zettel vom vielen Lesen schon ganz knittrig geworden.
Die Uhr schlug zwei Mal. Zeit, um Mutter ihren Magentee zu bringen. Sie mochte ihn lauwarm, mit zwei gehäuften Teelöffeln Zucker, dem Beutel noch drinnen und einem Schuss Rum. Sie sagte: ‘Der richtet mich her.’ Von daher weiß ich, dass Schuss und Herrichten zwei eng miteinander verwandte Dinge sind. Und weiter noch: Dass mir der Schuss, war er ein ordentlicher, zehn Schilling Taschengeld einbrachte, eine enorme Summe, ich konnte mir damit beim Scherwirt ein Twinny-Eis und einen Schokoriegel kaufen.
‘Mutter?’ Sie rührte sich kaum. Allein an der Bettdecke, die sich hob und senkte, war zu erkennen, dass darunter ein Mensch lag, der atmete. Ich stellte das Tablett ab, wiederholte: ‘Mutter?’, und stupste sie leicht, damit sie keinen Schreck bekäme. Sie mochte alles, was leicht, fast nicht spürbar, wie die Berührung einer Feder war. ‘So ist es gut,’ sie hatte sich aufgerichtet, ‘du bist ein braves, braves Mädchen.’ Und als ich zu weinen anfing: ‘Na, na, na. Wirst doch nicht weinen.’ Ich hielt ihr den Zettel unter die Nase. Sie blinzelte, las blinzelnd Leb und wohl, blickte auf mich, dann wieder auf den Zettel, nunmehr mit aufgerissenen Augen, und brach, zuerst verhalten, dann laut und unbeherrscht, in ein nicht enden wollendes Gelächter aus. ‘Hat er sich doch noch aus dem Staub gemacht,’ lachte sie: ‘Hat er uns doch noch im Stich gelassen.’ Die Sätze stakten aus ihrem Lachen heraus, wurden von ihm überrollt, zäher Schleim, bis es zuletzt nur mehr ihr Lachen war, das Lachen eines gerade erst zum Leben erwachten Menschen, welches, von den Wänden zurückgeworfen, das Zimmer, das Haus, die Straße, ja ich dachte, ganz Andritz erfüllte. Hastig lief ich hinaus in den Flur, kramte die Füllfeder aus der Schultasche, betrachtete ihre punktförmige Spitze und stach mir damit in den Arm. Ein wohltuender Schmerz, ich schrie auf, mein Schrei fiel in Mutters Lachen. Er dämpfte es, wenn auch nur für Sekunden, nahm ihm ein wenig von seinem rohen Klang.
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Ich war acht Jahre alt. Narbenträgerin. Mein linker Arm war übersät von Stichen. Dem Schularzt erklärte ich: ‘Ich sei, eine Schlafwandlerin, des Nachts in die Rosen- und Brombeersträucher gestolpert.’ Ich erklärte es ihm mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der Mutter den Leuten vom Jugendamt erklärte, Sie habe seit über einem Jahr keinen einzigen Tropfen mehr getrunken. Und auch wenn es nur zur Hälfte wahr war, was sie sagte, so war es doch wahr, dass sich ihr Zustand seit Vaters Verschwinden zunehmend gebessert hatte. Auf die Frage, wohin er verschwunden sei, gab sie zur Antwort: ‘Wohl über den Berg.’ Für mich stand fest, damit meinte sie den Reinerkogel, und also war Vater, kein Zweifel, über die Jakobsleiter hinunter in die Stadt gegangen. Die aber war ein unerreichbarer Ort, weit, weit weg, im Dunst, eine Weltreise entfernt. Ich, die nichts kannte außer der Prochaskagasse, der Radegunder Straße und dem Ursprungweg, mal abgesehen von ein paar anderen nicht weiter nennenswerten Abzweigungen, hielt die Stadt für einen genauso entlegenen Ort wie etwa Paris, New York oder Hongkong. Unvorstellbar, dass ich jemals dorthin käme, unvorstellbar, dass dies überhaupt möglich sei.
Mein Vater war nicht der einzige, der verschwunden war. Auch Marias Vater war in jenen Tagen, wie Frau Drechsler mir höhnisch auflachend erzählte, mit seiner um zehn Jahre jüngeren Geliebten abgehauen, natürlich blond, natürlich schlank, natürlich faltenfrei und, wem`s gefällt, eine dieser austauschbaren Landschönheiten. ‘Sie seien glücklich,’ fügte sie hinzu, so glücklich, wie man es auf Erden nur sein könnte, und weil ich mir für Vater ein eben solches Glück herbeisehnte, kam ich auf die Idee, ihm in der Nähe eine Geliebte zu suchen, in der Hoffnung, er würde dann vielleicht wieder über den Reinerkogel zurück und bis zum Ursprung, dem Anfang aller Dinge, finden. Oft genug hatte ich ihn vom vordersten Fenster aus gesehen, nur um gleich darauf festzustellen, dass es eine Einbildung gewesen war. Ein bloßer Schatten, weiter nichts. Und oft genug war ich an Pferden und Ziegen vorbei, denn sie waren, sowie ich, um einiges größer geworden, zur Quelle im Wald gerannt, nur um die schaurige Entdeckung zu machen, dass der Mann, der dort saß, ein zahnloser Greis mit schneeweißen Haaren war.
Meine Suche nach einer Geliebten begann in der Schule. Da war die Direktorin, Frau Grottenbacher, ein schrecklicher Name, ich schloss sie von Vornherein aus. Da waren die Religionslehrerin, Frau Kubacek, von der es hieß, sie habe eine Episode mit dem Pfarrer, was auch immer das heißen mochte, die 3C-Lehrerin, Frau Walter, die immerzu an ihren Nägeln kaute, und die Sekretärin, Frau Böhm, deren Beine so lang waren, dass sie die halbe Welt umfassten. Auf letztere fiel meine Wahl.
Da es Frau Drechsler, so Maria, derzeit nicht möglich sei, uns abzuholen, sie sagte es wie einen auswendig gelernten Spruch, mussten wir, immerhin acht Jahre alt, von nun an mit dem Schulbus nach Hause fahren. Eine Chance, ich nutzte sie. Nachdem ich Maria mit einer Bauchwehgeschichte abgewimmelt hatte, wartete ich, spähendes Auge, hinter den Mülltonnen vor der Schule auf Frau Böhm, bis sie herausgekommen, folgte ihr, zehn Schritte Abstand haltend, bis sie kurz stehengeblieben, dann weitergegangen, mit eingezogenen Schultern in eines der Reihenhäuser am Popelkaring geschlüpft war. Und dort stand ich. Tag für Tag. Einen ganzen Monat lang. Ohne den Mut, an der Tür zu klingeln. Versteckte mich, sobald sich ein Vorhang bewegte, lief davon, sobald ihr Gesicht aufgetaucht war. Einmal drehte sie sich auf der Straße nach mir um. Schaute mich an wie ein Gespenst, irgendwie angstvoll, eilte, irgendwie panisch, auf ihren langen Beinen davon, ich ihr nach, irgendwie von Sinnen, wollte gerade ihren Namen rufen, sie gerade am Ärmel berühren, als sie den Schlüssel, irgendwie schon gar nicht mehr die Frau Böhm, die ich kannte, heftig zitternd ins Schloss und mit einem Satz, flugs, ins Innere des Hauses geflohen war. Diesmal klingelte ich, ich weiß nicht mehr, wie oft. Die Tür jedoch blieb zu und so blieb mir nichts anderes übrig als hängenden Kopfes nach Hause zu gehen. Tags darauf wurde getuschelt, Frau Böhm habe einen Nervenzusammenbruch erlitten, und wieder Tage darauf wurde getuschelt, sie sei mit Sack und Pack zurück ins Mürztal, ihre alte Heimat, in die obere Steiermark gezogen. Von daher weiß ich, dass Heimat etwas Nervliches ist. Sie ist in jedem von uns der eine Nerv, der über alle Maßen hinaus gespannte Nerv, der uns, wann immer es an der Zeit ist, zurück zum Ursprung schnalzt.
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Ich war vierzehn Jahre alt. Ein vergesslicher Teenager. Irgendwann, zwischen elf und dreizehn, als die Sache mit dem Frausein begann, hatte es einen Punkt gegeben, von dem an Vater keine Person, eher eine vage Erinnerung, fast möchte ich sagen, eine Unperson war. Wohl wartete ich noch immer auf ihn, pünktlich um sechs, doch das Warten war eine leere Gewohnheit geworden, wie das Durchdringen meiner Haut einmal mit dieser, dann wieder mit jener Spitze. Es gehörte dazu, war Teil des Tages, der in die Nacht hinab rutschte. Mutter würde mich, wenn ich so am Fenster stand, einen hoffnungslosen Fall nennen und sich ‘ausnahmsweise’, eins ihrer Lieblingswörter, einen Schluck Gin hinterher schütten. Auch das gehörte dazu, war Teil des Tages, der immerfort in die Nacht hinab rutschte.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass Frau Drechsler, die Nachbarin, schon seit langem keinen silbergrauen Mercedes mehr fuhr, sondern einen Škoda, und dass ihre Tochter Maria, bis auf die Knochen abgemagert, höchstens ein Strich, langsam dahingegangen war, bis man sie aus der Schule nehmen und in eine Klinik im Süden der Stadt hatte bringen müssen. Die jedenfalls war in meiner Wahrnehmung in nächste Nähe gerückt. Ich hatte entdeckt: Es brauchte nur eine Bus-, dann eine Tramfahrt, um zum Hauptplatz und von dort aus ins Griesviertel, zum Lendplatz oder in den Stadtpark zu gelangen. Und ich hatte entdeckt: Mit Zauberei hatte das gar nichts zu tun.
Am liebsten fuhr ich mit dem Fahrrad in die Stadt, Wind in den Haaren, neben mir her, in die Pedale tretend, Klaus-Peter-Jürgen, er hieß tatsächlich so, aus der wilden B-Klasse, in die er, schon allein wegen seines Namens, nicht richtig hineinpassen wollte. Man rief ihn das Dreiauge oder schlicht: Die Drei. Ich aber rief ihn Peter, das machte den Spott wieder gut, und so kam es, dass wir nebeneinander her radelten, auch wenn wir beide keine Ahnung hatten, wohin. ‘Hauptsache weg,’ sagte Peter, ‘weg von zu Hause.’ Die dicke Luft dort könne man mit einer Schere in lauter Schnipsel zerschneiden. Überhaupt sprach er oft von Scheren und Schnipseln, ich glaube, um mir zu sagen: ‘Du bist nicht allein.’ Von daher weiß ich, dass es möglich ist, über Dinge zu reden, ohne sie auszusprechen, und dass das manchmal die beste Art ist, zu reden, die beste Art ist, zu verstehen, wenn man das Unsagbare ungesagt lässt und stattdessen drumherum spricht oder einfach nur schweigt.
Wir schwiegen viel, Peter und ich, und das Besondere daran war, dass unserem Schweigen keine Peinlichkeit anhaftete. Wir schwiegen, weil es in unserer Natur lag, sowie die Traurigkeit und die Langeweile, sowie das unbestimmte Gefühl, dass beides miteinander zusammenhing. Schweigend würden wir unsere Fahrräder abstellen. Im Schutz der Bäume eine drehen und rauchen. Tief einatmen, wieder ausatmen. Und lächeln. Wir würden am Parkhouse vorbei und uns beklommen fragen, ob wir jemals so groß werden würden wie die Studenten, die dort im Schatten saßen und ein kühles Bier tranken, und ob wir das überhaupt wollten: So groß werden. Wir würden uns bei der Hand nehmen und uns am anderen festhalten, nie wieder loslassen, einen köstlichen Augenblick lang, uns aus der Zeit stehlen, Mund an Mund pressen und mit der Zunge ein bisschen nach vor, dann erschrocken wieder zurück, mit einem feuchten Geräusch auseinanderfallen. Mein erster Kuss. Bei der Punkwiese. Verlegen wischte ich ihn fort. Und im Fortwischen geschah es, dass ich auf einer der Bänke rund um den Brunnen, auf der Bank, auf der ich selbst schon einige Male gesessen und in den Himmel geschaut hatte, auf dieser Bank also Vaters Gestalt ausmachte. Ich wurde blass, dann rot, Peter fragte: ‘Was ist los?’ Ich spürte, wie alles Blut aus mir heraus und zu Vater hinfloss. ‘Nichts, nichts,’ sagte ich endlich und schob Peter zur Seite. Auf einmal schämte ich mich, ihn geküsst zu haben, vor Vaters Augen, sozusagen, vor seinem Blick, der mein Zuhause war, einen pickeligen Buben geküsst zu haben. Ich sagte so etwas wie ‘Bis dann, man sieht sich!’ sagte es so beiläufig wie möglich, als ob wir nichts miteinander zu tun hätten, ließ Peter dort stehen, wo er eben stand, und ging, scharfe Klingen unter meinen Füßen, auf den Menschen zu, der mich gleich, gleich, ich wusste es, gleich, gleich in die Arme schließen, mir gleich, gleich alles erklären, gleich, gleich… hatte ich das Gleichgewicht verloren und war mit den Händen voran auf den Asphalt gestürzt. Vater sprang auf und fasste mich am Arm, dem zerschnipselten, drückte ihn leicht und fragte: ‘Hast du dir weh getan?’ Sein Blick umschloss mich, dunkles Grau, ich wusste: Jetzt würde er mich wiedererkennen. Jetzt! Und wieder: Jetzt! Aber er schaute durch mich hindurch und sah nichts anderes als ein gestürztes Mädchen, schaute mich an und schließlich weg, sagte so etwas wie ‘Nun denn!’, als ob wir nichts weiter miteinander zu tun hätten, ließ mich dort liegen, wo ich eben lag, und ging. Ich, mit trockener Kehle, schrie: ‘Vater!’, doch mein Schrei war ein Flüstern, nicht mehr. Wie in jenen Träumen, in denen man den Mund aufmacht und es kommt nichts heraus. Kein Laut. Keine Silbe. Kein Nichts.
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Ich war sechzehn Jahre alt. Mutters Ebenbild. Wenn ich in den Spiegel blickte, sah ich meine Zukunft: Einen abschüssigen Weg, der über eine Klamm hinunter ins Bodenlose führte. Peter war kurz nach unserem Kuss bei einem Fahrradunfall verunglückt. Er war in ein Koma gefallen, aus dem er nicht mehr erwachte. Ich fragte mich oft, ob wohl die Luft, die man ihm über einen Schlauch in die Lungen pumpte, eine dicke war oder eine dünne, und ob er sich wohl einsam fühlte, in dieser Luft, oder ob ihn seine Einsamkeit vielleicht tröstete. Gerhard und Rainer, die ihm nachgefolgt waren, fanden solche Fragen jedenfalls unheimlich und verschwanden sehr bald wieder nach dem ersten Streit, und nachdem Frau Neugebauer, Gunthers Frau, die Frau meines Mathematiklehrers, ihn und mich in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer ertappt hatte, war auch diese Geschichte vorbei. Von daher weiß ich, dass alles vorbeigeht. Egal, was es ist, es geht einfach vorbei.
Als meine Tage ausblieben, schimpfte mich Mutter ein Flittchen. Aber auch das ging vorbei. Gunther bezahlte für die Abtreibung und fürs Schweigen danach. In dem Kuvert, das er mir im Gang zwischen Konferenz- und Lehrerzimmer zugesteckt hatte, war Geld genug, um bis ans Ende meines Lebens zu schweigen. Es fiel mir nicht schwer. Wie gesagt: Es lag in meiner Natur. Den Schulstoff hatte ich nach anderthalbwöchiger Abwesenheit schnell wieder nachgeholt und wenn ich Frau Neugebauer einmal zufällig in der Sporgasse oder beim Kastner begegnete, sagte ich ‘Grüß Gott’ und sie auch und es war, als ob niemals etwas geschehen wäre. Bloß die Hände gaben wir uns nicht, das wäre zu viel gewesen. Ich merkte es an der angestrengten Art, mit der sie ihre Arme an die Seiten presste: Eine Berührung, und sei sie auch noch so banal, hätte sie an Ort und Stelle um den Verstand gebracht.
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Ich war achtzehn Jahre alt.
Studentin in Wien.
Nach Graz fuhr ich zwei Mal im Jahr. Einmal zu Weihnachten, einmal zum Muttertag.
Ich war dreiundzwanzig.
Stipendiatin in Berlin.
Nach Graz kam ich zu Weihnachten und nur dann.
Neunundzwanzig.
Doktorandin der Teilchenphysik in Toronto, mit Aussicht auf eine Forschungsstelle in Houston.
Ab und an telefonierte ich noch mit Mutter. Ihre Stimme klang alt. Das Rauschen in der Leitung machte es uns leicht, nach fünf Minuten wieder aufzulegen.
Einunddreißig. Zweiunddreißig.
Graz ist ein Telegramm, auf dem steht: ‘Mutter tot. Stopp. Anita Drechsler’.
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Frau Drechsler holte mich in einem Mazda vom Flughafen ab. ‘Sie habe sich, wie sie sagte, von all den Tiefschlägen in ihrem Leben erholt. Zu traurig nur, dass deine Mutter das niemals geschafft hat. Zu traurig, dass der Tod deines Vaters, weißt du noch, kurz nach deinem dritten Geburtstag, sie derart aus der Bahn geworfen hat. Und wie du das nicht einsehen wolltest, dass er gestorben war, wie du an ihm festhieltst, über seinen Tod hinaus! Und was das bedeutet hat, für deine Mutter, dich so zu sehen! Wie sie dein Anblick gequält hat! Jetzt kann ich`s ja sagen, nicht wahr?’ Sengende Augen. ‘Dass dein Verhalten geradezu furchterregend war. Wie du ins Leere hinein, mit einem Menschen, der unsichtbar, ich meine, das war, findest du nicht, wie aus einem Gruselfilm.’ Sie lachte schrill auf. ‘Und nun schau, was aus dir geworden ist! Wenn Maria noch wäre, ich sage dir, sie hätte eine schiere Freude daran. Aber es ist nun alles so, wie es der liebe Gott mit uns will.’
Mit diesen Worten setzte sie mich ab und ich konnte sehen, dass sie weinte. Die Hände am Lenkrad, weinte sie still in sich hinein. Arme Frau Drechsler, dachte ich, sie muss wohl vor lauter Gram verrückt geworden sein.
Und nun bin ich wieder hier, in diesem Haus mit den nackten Wänden und suche nach einem Beweis dafür, dass es Vater, den Vater meiner Vorstellungen, wirklich gegeben hat. Ich suche nach Fotos. Nach Briefen. Umsonst. Alles, was ich finde, ist der Zettel, ein vergilbtes Leb wohl. Ich stecke ihn ein und gehe zum Ursprung. Unter meinen Füßen brechen die Äste. Der Andritzbach ist ein reißendes Gewässer, er verschluckt jedes Wort, begierig, es zu verschlucken. Einmal angekommen, werde ich den Zettel ins grüne Wasser werfen und dabei zusehen, wie die Oberfläche sachte, sehr sachte um seine Ränder herum zu zittern beginnt, er sich vollsaugt mit Flüssigkeit, irgendwann schließlich untergeht. Und vielleicht werde ich dann sehen, dass es Mutters krakelige Schrift war, die Handschrift einer Betrunkenen, die mich damals erlösen wollte, und vielleicht werde ich dann ihr Lachen hören, ein fernes Wehklagen wie das Verrinnen von Zeit. ‘Einmal angekommen,’ sage ich. Aber selbst dieser Satz verschwindet, ist ein verschwundener. Von daher weiß ich, dass Graz eine Stadt ist wie jede andere auch.





